Mittwoch, 29. Januar 2014

Kichererbsen: Ich habe beschlossen, mein Kind ist normal



Manchmal hat es den Anschein, dass im realen Leben eines Kindes zwischen Schule, Reitstunde und Nachmittagsbetreuungsangeboten, die  Normalität kaum noch ausreicht, um gesellschaftlich mithalten zu können. Wenn nicht wenigstens eine verordnete Logopädiestunde oder ein halbwegs tauglicher Bescheid eines beginnenden ADS vorliegt, kann doch irgendetwas mit dem Kind nicht stimmen. Schließlich gehört das dazu, sonst gehört das Kind nicht dazu.

Was ist schon normal?


Waren wir früher als Kinder normal? Normaler als unsere heute Kindergeneration? Meine drei Halbwüchsigen gehen auf den ersten Blick als völlig durchschnittliche 08-15-Kinder durch.
„Nein, nein“, sagt der Kindergarten bei meinem Jüngsten. „Der ist schon verhaltensauffällig. Wie er sich so aus der Gruppe rauszieht, sich still (!!!!) stundenlang auf dem Bauteppich mit seinen Autos beschäftigt und die Erzieherinnen ignoriert, sobald sie etwas von ihm wollen.“
Das ist schon bedrückend, dass Kinder, die für eine lange Zeit still spielen können, als verhaltensauffällig abgetan werden. Plötzlich tauchen die stillen Wasser aus der Masse auf und werden bemerkt. Probleme, die eigentlich nie welche waren, werden zu unüberwindbaren Gebirgsketten. Mein Jüngster hat einfach keine Lust auf andere Kinder – daran ändert auch eine Therapiestunde nix. Er liebt seine selbst bestimmte Einsamkeit.



Zeitverschwendung im Wartezimmer


Einmal in der Diagnose-Tretmühle drin, wechseln sich Arzttermine und Analyse-Gespräche ab - im Monatsrhythmus.  Das Ergebnis ist schnell bereit - ein Zettel, der bestätigt, dass das eigene Kind nicht im Bereich des Normalen liegt. Fragebogen um Fragebogen wird ausgefüllt und angekreuzt. Irgendetwas trifft eben immer zu. Wenn wir etwas finden wollen, dann finden wir das auch. Die Zeit im Wartezimmer ließe sich sinnvoller nutzen – mit Vorlesen vielleicht, mit einem Spielplatzbesuch oder einer Bastelstunde - aber wir brauchen die Bestätigung, dass mit unseren Kindern etwas nicht stimmt.

Es lebe die Diagnose ADS


Die Schule kam bei unserer Großen irgendwann zu der Auffassung, sie könne an ADS leiden, weil sie ständig etwas vergaß aufzuschreiben, verträumt aus dem Fenster blickte und Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben hatte. Ha. Ich habe es befürchtet. Von drei Kindern muss wenigstens eines an ADS leiden, sonst ist schließlich der Durchschnitt kaputt. Aber wenn es stimmt? Können wir ihr mit so einem Arztbesuch vielleicht helfen?
„Kommt ja darauf an, auf welche Schule Sie Ihr Kind schicken wollen“, meint die Kinderpsychologin, nachdem die Große diverse Testungen hinter sich gebracht und jede Menge Unterrichtsstoff verpasst hatte. Sie winkt fröhlich mit dem Rezeptblock. „Also das Gymnasium schafft es Ihr Kind ohne Methylphenidat NIEMALS.“ Dann eben nicht, denke ich – schließlich will sie sowieso Bäuerin werden.


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