Mittwoch, 6. Februar 2013

Kichererbsen: Schneewittchen reloaded

Oder: Wie jemand Schneewittchen an der Tür einen Apfel zum Probieren andrehen wollte


Schneewittchen - so jung, so schön, so ... naja. Sie lebte zusammen mit Papa-Zwerg in einer niedlichen Reihenhaussiedlung in der sauerländischen Bergwelt, von tiefem Wald umgeben. Ja, man könnte es Idylle nennen.
Schneewittchen kümmerte um den Haushalt und Papa brachte die Kohle heim - wie es eben so ist in einer solchen Zweckgemeinschaft.

Aber Papa hatte Angst um sein Schneewittchen - und natürlich um sein Geld. Deshalb ermahnte er das liebe Kind stets, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machte:

"Und dass du mir keine Verträge am Telefon abschließt!"
"Nein, Papa", meinte das Schneewittchen.
"Und denke daran, keine Zeitungs-Abonements an der Tür zu unterschreiben."
"Was? Ich doch nicht!"
"Aber am allerwichtigsten ...", begann der Alte.
"Jaja, ich weiß: Ich darf die Zeugen Jehovas nicht hinein lassen, den Johannitern nichts unterschreiben und vor allem keine Geschäfte mit fahrenden Händlern abschließen", meinte Schneewittchen stolz.
"Gutes Kind." Der Alte tätschelte ihren Kopf. "Dann wünsche ich dir einen schönen Tag."
Er war schon fast zur Tür hinaus, als ihm noch etwas einfiel: "Vergiss nicht, die Spülmaschine auszuräumen, während ich weg bin. Und immer schön das Licht ausmachen, wenn du aus dem Keller hochkommst."
"Jaja, ist ja gut!"

Dann begab sich der Alte auf seinen beschwerlichen Weg zur Arbeit. Schneewittchen dagegen legte sich eine CD von Motörhead in den CD-Spieler und begann ihre täglichen Pflichten zu erfüllen.
Es dauerte nicht lang, da klingelte es an der Eingangstür. Das liebe Schneewittchen dachte, dass es wohl der Papa-Zwerg wäre, der etwas vergessen hätte (so etwas passiert im Alter schon einmal).

Freudestrahlend öffnete sie die Tür. Doch nein, es war nicht der Papa-Zwerg. Ein altes Mütterchen stand vor ihr. Sofort regte sich das, was allgemeinhin unter dem Begriff Herz bekannt ist und von dem Schneewittchen mehr als genug hatte.

"Guten Tag", grüßte sie höflich.
"Den wünsche ich ihnen auch, junge Frau", anwortete das Mütterlein. "Ich bin vom Familienzirkus "Kaputtes Eichhörnchen"* und wollte in aller Höflichkeit anfragen, ob Sie uns vielleicht unterstüzten können."
Schneewittchen ging im Kopf die Liste mit den Personen durch, mit denen sie nicht reden, geschweige denn Geschäfte machen sollte. Nein, eine arme alte Bettlerin war dort nicht aufgelistet.
"Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte Schneewittchen freundlich.
"Lebensmittel- oder Futterspenden wären gut."
"Kein Problem, was brauchen Sie?"
"Im Moment fehlt es an allem. Wir haben fünf Kinder zu Hause."
Schneewittchen ging das Herz auf. Das Helfersyndrom machte sich lautstark bemerkbar. Sie schnappte sich einen Jute-Beutel und räumte die Vorratskammer leer. Nudeln, Reis und zwei Gläser Pflaumenkompott.
Die arme Frau wirkte überrascht. Und Schneewittchen war zufrieden. Helfen konnte sie noch besser als Staubsaugen. Und so widmete sie sich mit neuem Schwung ihrer Arbeit.

Die Spülmaschine war gerade leergeräumt, als es erneut an der Tür schellte. Wer kann das denn nur sein? Ein Nachbar-Zwerg, der Milch oder Mehl brauchte? Vielleicht war es auch der schicke Prinz aus der Lokalzeitung, der sie zum Kaffee einladen wollte? Schneewittchen lief zur Eingangstür.

Vor ihr stand ein Mann - mit grüner Schürze, Strohhut und einem Korb voller leuchtend roter Äpfel.
"Tach, die Dame."
Schneewittchen lächelte.
"Ich verkaufe Kartoffeln und Äpfel aus dem alten Land. Äpfel dürfen auch gern probiert werden", meinte er und zwinkerte dem Schneewittchen zu.
Die Groschen fielen langsam, aber sie fielen!
"Nene, nicht mit mir. Ich bin ja nicht doof!" Die Geschichte mit den Äpfeln hatte sie schon mal gehört. Sie kam nur nicht drauf, wo ...


*Begriff geklaut (der Eigentümer kann mir allerding keinen Doktortitel aberkennen, da ich keinen habe)

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