Donnerstag, 5. April 2012

Meine wunderbare Reise mit der Deutschen Bahn


Als Überlebende habe ich mein Bahn-Experiment überstanden und es war in der Tat ein Erlebnis! Ich werde die Fakten mal eben als Kurz-Exposè zusammenfassen, denn die ganzen 17 Stunden würden den Rahmen doch etwas sprengen.

Die Reise beginnt viel zu früh am Morgen

2:15 Uhr - Noch nicht ganz wach, aber durchaus mit einer gewissen Vorfreude ausgestattet setzte ich mich zu meinem Nachbarn ins Auto. Da dieser Nachbar auf der Reise eine nicht unbedeutende Rolle spielt, nenne ich ihn im Folgenden einfach nur Agent M. Ich stieg also zu Agent M ins Auto und ließ mich noch im Halbschlaf zum Startbahnhof chauffieren, womit unsere Reise schließlich wirklich ernst wurde. Da der Agent ein pensionierter Bahner, dazu von einer eindrucksvollen Leidenschaft was Züge, Fahrpläne und Streckenhindernisse angeht, geprägt ist, habe ich mir um diesen Tag wirklich keine Sorgen gemacht. Vielleicht lag es aber auch an meiner leicht bis mittelstark ausgeprägten kindlichen Naivität, und meiner fantastischen Vorstellung, alles würde gut werden.

Ankunft in Dortmund: 2:53 Uhr
5°C Außentemperatur


Nachdem wir auf dem Weg etwa fünfzehn Rehe, zwei Wiesel und eine leuchtende Glasscherbe gesehen haben, kamen wir am Ort des Geschehens an. Viel zu früh, wohlgemerkt, aber Agent M brauchte die absolute Sicherheit, dass wir auch ja pünktlich ankommen. Und so fror ich mehr als eine halbe Stunde auf dem Bahngleis 4 vor mich hin. Um diese Zeit sind tatsächlich nur Chaoten unterwegs. Drei Halbstarke unterhielten sich über ein am Abend stattgefundenes Konzert und eine weitere Schlafleiche stand an eine Mauer gelehnt und schlürfte Kaffee.
Dabei fiel mir dann ein, dass ich noch gar keinen Kaffee hatte, an diesem verflucht frühen Morgen. Und ich ohne Kaffee, das ist wie ein Auto ohne Benzin! Das geht nicht, also, ich meine, das läuft nicht! Und so erbettelte ich mir einen Kaffee aus dem Automaten. Wie jeder weiß, stehen auf so einem Bahnhof, insbesondere auf den Bahnsteigen ja diverse Automaten herum – für Süßigkeiten, schnelle Snacks und natürlich auf für verschiedene Heißgetränke. Mit 50 Cent war ich dabei und erhielt einen leckeren Vanille-Cappuccino. Lecker war er, und warm war er auch... und er verkürzte mir die Wartezeit auf den Schweißmaukenexpress, wie der IC 2020 von Frankfurt nach Hamburg Altona in Fachkreisen genannt wird.

Der Zug und seine besonderen Vorteile

Ich muss sagen, ich war überrascht. Eigentlich hatte ich mit einem ICE gerechnet und war mäßig enttäuscht, als dieser alte dreckig-rote IC vor mir hielt. Wir fuhren zweiter Klasse in einem ehemaligen erste Klasse Abteil des AVMZ 111 von 1962. Diese Art von Abteilen war mir irgendwie vertraut, habe ich doch mein erstes wirklich spannendes Bahnabenteuer genau in so einem Abteil verbracht... ohne zu weit in die Ferne zu schweifen – ich war damals 10 und fuhr erster Klasse von Hofheim nach Cottbus!
Unser IC 2020 sah von außen nicht wirklich einladend aus, roch innen etwas muffig (nach Schweißmauken, halt), war aber vom Sitzkompfort irre bequem. So viel Beinfreiheit hatten wir die restlichen 14 Stunden nie wieder!

"Wie sehe ich aus?" - "Das ist um diese Zeit doch egal!"


Das Personal der Deutschen Bahn - freundlich und kompetent

Die Mitarbeiter waren vom Kaliber „Rheinische Frohnatur“ und beglückten uns mit einem freundlichen Lächeln und einem noch viel freundlicherem „Eine gute Weiterfahrt, den Herrschaften!“ Mein Mitfahr-Agent verdrehte die Augen. So freundlich wären sie doch nur, weil ein anderer Bahner vor ihnen stand. Und dann donnerte der IC in die Dunkelheit hinein, die Gleise unterm Hintern kaum spürend, saßen wir in den ehemaligen erste-Klasse-Sitzen und schauten fasziniert aus dem Fenster (Es war allerdings wirklich noch sehr dunkel und ich konnte nix sehen...) Das störte den Agenten aber überhaupt nicht, kannte er doch jede Schiene, jede Biegung und jeden Zentimeter der Strecke auswendig. Auch wenn ich nichts sah, hörte ich ihn stets die nächste Rechts-Links- oder – Geradeauskurve ansagen.

Kommen wir noch einmal auf den Sinn und Zweck dieser Reise zurück. Wir sind also unterwegs, um unterwegs zu sein. Die kurzen Aufenthalte in den Bahnhöfen lassen gerade den Bahnsteigwechsel zu, vielleicht hängt noch eine Zigarette drin, doch mehr werden wir nicht sehen von den Bahngebäuden. Bleibt uns also nur die genaue Betrachtung der Züge, der Menschen und der Gegebenheiten. Ab gesehen davon, vergeht die Zeit wie im Fluge. Anderthalb Stunden sind ja nichts, wenn du jemanden bei dir hast, der sich auskennt und zwischendurch ab und zu mal eine Anekdote zum Besten gibt.

Wir sind in Hamburg gestrandet...


Den Sonnenaufgang habe ich leider verschlafen. Im Zug war es so kuschelig und gemütlich, so warm und so richtig schön muffig, dass sich meine Augen von allein schlossen. Kurz vor dem Hamburger Hauptbahnhof bin ich schließlich doch noch aufgewacht und habe mir im Morgengrauen die Hafenrundfahrt gefallen lassen. Unser Zug hielt und der Agent stürmte aus dem Wagon, ich hatte wirklich Mühe ihm zu folgen. Aber er flitzte vor, damit wir die bestmöglichsten Plätze erhaschen würden. Leider haben sich ungefähr 2869 Menschen das Gleiche gedacht und standen, wie die Ölsardinen am Bahnsteig mit ihren Aktenköfferchen, ihren Gucci-Handtaschen und ihren riesigen Reiserucksäcken – warum wollte nur alle Welt an einem Montag Morgen um 7:00 Uhr nach Berlin? Also hatten wir Stehplätze in einer überfüllten Veranstaltung. Naja, wir hatten ja gerade auch erst zwei Stunden gesessen... und würden sicherlich noch mehrere Stunden an diesem Tag in den Genuss kommen, zu sitzen, da wollen wir doch die wenigen 90 Minuten das Sitzfleisch mal schonen.

Weiterfahrt nach Berlin-Spandau in wenigen Minuten...


Bilanz eines Experimentes - Es war geil!

Wir haben knapp 2200 Kilometer geschafft und sind durch alle 16 Bundesländer gegurkt, wir waren 17 Stunden unterwegs, sind sechs mal umgestiegen, hatten nur einmal 20 Minuten Verspätung und waren sonst immer pünktlich, wir hatten nur einen selbstmörderischen Brückenspringer, nur einmal einen Stehplatz, ich hatte sechs Kaffee und habe trotzdem nur dreimal das Klo aufgesucht (weil ich Zugtoiletten hasse!), wir haben nur einen Anschlusszug verpasst und sind am Abend hundegrottenmüde wieder heile und an einem Stück angekommen. Mein Mitfahrer ist nur zweimal ausgerastet und ich habe mir nur ein Zeitungsabo der Süddeutschen andrehen lassen. Wir haben nichts im Zug vergessen! So war es und es war wirklich toll.

Kommentare:

  1. Ich find das richtig, richtig geil :-)!

    Es gibt nur zwei Dinge, die mich beunruhigen: erstens, warum siehst du so jung aus? Zweitens, warum musstest du nur dreimal aufs Klo? Womöglich steht das - drittens - erstens und zweitens im Zusammenhang?

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    1. hm... interessante These... Da könnte in der Tat etwas dran sein, liebe Kico! Aber mal ehrlich, kennst du die Toiletten der Deutschen Bahn? Da verkneift man sich gern mal das Pipimachen... *vorekelschüttel*

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  2. Muss ich also doch einen eigenen minutiösen Reisebericht schreiben, denn dieser endet ja quasi bereits in Hamburg Hbf.

    Ansonsten hab ich sehr gelacht, war nett zu lesen: Vielen Dank !

    Es grüßt von dribdebach

    Agent M.

    P.S.: Der beschriebene Abteilwagen schreibt sich bahnamtlich "Avmz 111", heißt aber tatsächlich heutzutage ganz anders.

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