Dienstag, 7. Februar 2012

L wie Lea Langner

...Als Lea in den Zug stieg, dachte sie nur kurz an das was sie zurück lassen würde. Sie hatte mit ihrem Vorhaben gewartet, bis Dirk auf einer seiner längeren Auslandsaufenthalte war. Zur Zeit befand er sich in den Arabischen Emiraten und traf sich mit den Handelsvertretern vor Ort, um die Verkaufszahlen der letzten zwölf Monate zu besprechen, endlose Meetings abzuhalten und abends in den kleinen Teestuben dem orientalischen Nachtleben zu frönen. Er hatte sich gestern kurz bei ihr auf dem Handy gemeldet, als sie schon am Packen war. Ihm ginge es gut, der Flug wäre nur zu lang gewesen und außerdem war die Klimaanlage an Bord zu kalt und er hätte sich, so glaubte er, eine Erkältung eingefangen. Aber hier unten, so Dirk, wäre alles wie immer: heiß und staubig. Sie solle sich die Zeit nicht lang werden lassen, meinte er beim Abschied, nicht ahnend, dass Lea gerade die letzten Kleidungsstücke in den Koffer warf. Bevor sie den Deckel schloss atmete Lea noch einmal tief durch. Ihr Gewissen würde sie nicht von dieser Reise abbringen. Diesmal nicht! Lea hatte zu lange hier herum gesessen und zugesehen, wie sich ihr Leben langsam in Luft auflöste. Sie würde sich die Zeit nicht lang werden lassen, ganz bestimmt nicht!

Das Zugabteil war vollgestopft mit Menschen. In den Gängen standen Koffer, Kinderwagen und die Luft roch nach Aufregung. Lea suchte Platz Nummer 37 und versuchte sich mit ihrem Rollkoffer durch den schmalen Gang zu drücken. Ständig blieb sie an einem Sitz hängen oder streifte das Bein eines Mitreisenden. Ich hätte auf der anderen Seite einsteigen sollen, dachte Lea und verfluchte kurz die ewig überfüllten Züge. Dabei fuhr Lea selten bis gar nicht mit dem Zug. Sie hatte einen schicken kleinen schwarzen Volkswagen mit besonders viel Platz im Kofferraum. Aber Lea hatte sich bewusst für die Bahn entschieden, damit ihr Weg nicht zurückverfolgt werden konnte. So konnte sie hier in den Zug einsteigen - die Karte hatte sie vorher bar bezahlt – und an ihrem Ziel alle Spuren hinter sich lassen. Lea hatte ihre Geldkarte genauso bewusst zu Hause gelassen, wie sie den Zug genommen hatte. Alles war geplant. Gestern Vormittag, als Dirk zum Flughafen fuhr, ging sie selbstsicher zur Bank und räumte das gemeinsame Konto leer. Sie nahm alles mit bis auf 76 Cent. Das Geld war ihr Startkapital und würde sicher eine ganze Weile reichen, bis sie irgendwo untergekommen ist. Lea steckte die Banknoten wie selbstverständlich in ihre große bunte Blumenhandtasche, verabschiedete sich freundlich und bemerkte erst am Ausgang, dass sie vor Aufregung nass geschwitzt war. Sie hatte damit gerade ihren Mann ausgeraubt und das schlechte Gewissen versuchte sich wieder in ihr breit zu machen. Auf der anderen Seite, war es ihre Abfindung, die ihr somit auch in voller Höhe zustand. Das beruhigte das Gewissen etwas und es legte sich wieder friedlich zur Ruhe.

Lea teilte ihren Sitzplatz mit einem nett aussehenden Herrn. Er stand auf und hob ihren Koffer in die Ablage, so dass sie genug Beinfreiheit zum Sitzen hatte. Lea schätzte ihn auf Mitte Vierzig, dunkle Haare mit einigen silbernen Strähnen an den Schläfen, eine vornehme Designer-Brille auf der Nase und einem markanten, aber nicht besonders hübschen Gesicht. Es sah müde aus. Sie nahm sich vor, ihn nicht zu stören. Im Zeitungsfach des Vordersitzes lag der Streckenplan und Lea nahm ihn vorsichtig heraus, um ihn zu studieren. Es war ihr unangenehm neben dem Mann zu sitzen, aber dieser machte keine Anstalten ein Gespräch mit ihr anzufangen, weshalb Lea auch den Streckenplan kurzerhand wieder weg legte und sich ihren Gedanken hingab...

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