Samstag, 18. Dezember 2010

Steht vor der Tür und will hinein: Der vierte Advent

Alle Jahre wieder... und doch steht der 4. Advent wieder völlig überraschend vor der Tür. Unvorbereitet öffnete sie ihm die Tür. In ihrem beigen Bademantel wirkte sie etwas plump neben dem Adventssonntag. Wie konnte das passieren? In Gedanken ging sie noch einmal die letzten 50 Wochen dieses Jahres ab. Die Kaffeetasse in den zittrigen Fingern haltend, setzte sie sich in ihren bequemen alten Ohrensessel und überflog das Jahr 2010. Ein Schicksalsjahr. Wie so viele vorher auch. Doch in diesem ist besonders viel passiert.

Alles begann mit einer eitrigen Mandelentzündung am 01.01. diesen Jahres. Es konnte einfach nur in die Hose gehen, wenn die ersten Stunden des neuen Jahres mit Schmerzen, Fieber und Schüttelfrost einhergehen. Der Geburtstag ihres Sohnes musste wegen geringem Interesse der restlichen Familienbande abgesagt werden, was weitere Ereignisse vorausahnen ließ. Doch sie verschloss die Augen vor diesen Dingen, so wie sie jetzt dem 4. Advent keinerlei Beachtung schenkte. Es stand noch immer in der Tür, erwartete vielleicht, dass sie sich ihm endlich widmete, die letzte Kerze anzündete und ihm damit ein Willkommensgruß darbrachte. Doch nichts dergleichen geschah. Frau E. Saß versteinert in ihrem Sessel und hatte die Augen geschlossen. Veränderungen. Ja, die waren nötig gewesen. Und sie kamen auch, nicht so wie sich Frau E. Es dachte, aber sie kamen. Und sie waren entscheidend für den Rest ihres Lebens.

In der Mitte des Jahres hatten sich nicht nur die Wohnverhältnisse zum Besseren gewandt, sondern auch die Wogen im Familienzwist etwas geglättet. Allerdings nicht auf allen Seiten, denn das Schlachtschiff stand noch immer vor Anker im Hafen und richtete seinen Kanonen auf die Stadt. Jegliche Schutzmaßnahmen waren sinnlos, denn die Bedrohung war immer sichtbar. Jeder, der den Hafen sah, erkannte die drohende Gefahr. Auch wer längere Zeit nicht im Hafen war, das kanonenbeladene Schiff nicht vor Augen hatte, bekam es doch mit der Angst zu tun, wenn etwas von ihm aus weiter Ferne zu hören war, etwa ein Grollen, ein Pfeifen oder Quietschen. Selbst die Matrosen auf ihrem Landgang machten den Menschen in der Stadt unendliche Angst. Diese verwandelte sich mit der Zeit in Zorn, Wut und Hass, doch immer die Bedrohung im Hinterkopf.

Ein Lichtblick erschien am Horizont. Doch so schnell er auch kam, war er wieder verschwunden. Es war einfach kein Jahr für Lichtblicke! Mal das ein oder andere Flackern, aber Licht? Doch, jetzt, wo sie darüber nachdachte, gab es doch ein wenig Licht im Dunkeln. Wie schnell vergisst man all die schönen Erinnerungen, wenn schwere Ereignisse den Alltag überschatten. All die kleinen Freuden, ein Lächeln, der erste Wackelzahn und die gut überstandene Operation, werden von den schlechten Gedanken in den Hintergrund gedrückt. Dabei hatte sie Grund zum Danken! Wie viel Dank ist in den letzten Wochen einfach unter den Tisch gefallen? Nicht beachtet, so wie jetzt der 4. Advent. Dabei redeten die Kinder seit Wochen von nichts Anderem mehr. Es ist ihnen wichtig. Sie hatten es besonders hervorgehoben und es wurde von Frau E. fast völlig ignoriert.

Dieses Gefühl, was Weihnachten eigentlich auslösen sollte: Plätzchen backen, Familienfreuden, Freunde einladen und gemeinsam Weihnachtslieder singen sowie den Baum schmücken. So wie es früher war. In ihrer eigenen Kindheit. Voll Heimlichkeit, duftend und besonders. Der Gang über den Weihnachtsmarkt, der erste Schnee und die bunten leuchtenden Lichter der Kinderfahrgeschäfte, dazu ein Glas Glühwein und der verlockende Geruch einer Thüringer Rostbratwurst im Brötchen... Das weckt Erinnerungen. Warum eigentlich kann die Zeit im Advent nicht so verlaufen? Frau E. öffnete die Augen und sah in Richtung Tür, wo sie den 4. Advent hatte stehen lassen. Es sah traurig aus, müde und irgendwie gar nicht so, wie man sich einen Adventssonntag so vorstellte. Klar, die Kleidung war ordentlich gebürstet, das Haar zurückgekämmt und der Mund sauber gewaschen. Doch die Augen, sie hatten keinen Glanz, so wie das Leben der Frau E. „Warte hier“, sagte sie, als sie apubt aufsprang. „Ich zieh mir nur etwas Anderes an. Dann können wir los!“

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