Montag, 6. Dezember 2010

Schnee -Text für Anfänger

Hier kommt nun das Ergebnis meiner kreativen Woche:

Zwischen einer wirklich niedlichen Bärengeschichte, die von einem Teddy handelte, der verzweifelt im Schaufenster saß und auf jemanden wartete, der ihn für Weihnachten kauft und einer außergewöhnlichen Betrachtung eines Adventskalenders, welcher die Hauptperson in ein zauberhaftes Märchenland entführte, stand nun meine Schneegeschichte...

Die Überschrift war quasi der Arbeitstitel, denn immer wenn ich aus dem Fenster sah, sah ich genau das...

Schneegestöber


Sie schaute aus dem Fenster in den ersten Schnee und dachte wehmütig zurück an den ersten Sommer in Spanien, als ihr Freund Lasse fröhlich pfeifend mit zwei Flugtickets in der Hand das Zimmer betrat. „Rate, was ich hier in der Hand habe?“ Eva verdrehte die Augen. In drei Wochen war Weihnachten. Und wie jedes Jahr würden sie zu seinen Eltern nach Stockholm fliegen und sich über die Feiertage den Hintern in der schwedischen Kälte abfrieren. Eva erwartete dann bei ihrer Rückkehr ins gemäßigte deutsche Klima am 2. Januar wie in jedem Jahr eine fette Mandelentzündung, hervorgerufen durch eingefrorene Füße und schneegekühlte sonstige Körperteile.

Eva betrachtete die fröhlich durch die Luft tanzenden Flocken und seufzte einen leisen, aber durchaus hörbaren Seufzer. Schnee in Deutschland, bedeutete noch viel mehr Schnee in Schweden! Und sie mochte keinen Schnee. Aber sie liebte Lasse, seit sie ihm in Spanien vor zehn Jahren das erste Mal begegnet war. Er war ein kühner, blauäugiger Wikinger mit strohblondem Haar und einem unheimlich schnuckeligen Akzent. Eva und ihre Freundin Paulina waren damals die ersten deutschen Austauschstudenten an der Universität von Madrid. Sie lernten Lasse und Giovanni, einen deutschen Italiener an der Uni kennen und waren für die nächsten sechs Monate unzertrennlich.

Dann musste Giovanni zurück nach Stuttgart und Paulina war am Rande der Verzweiflung, bis sie eines Morgens auf gepackten Koffern saß und Eva feierlich verkündete: „Ich halte es keine Sekunde länger ohne ihn aus. Ich fliege noch heute Nachmittag zurück und dann sehen wir weiter.“ Vor Schreck ließ Eva ihre Kaffeetasse fallen. Diese zersprang in tausend Scherben und die milchbraune Flüssigkeit verteilte sich an den Wänden und über den kalten Steinfußboden. „Du willst ihm hinterher?“ fragte sie ungläubig. „Ja. Ich liebe ihn.“ „Liebt er dich denn auch?“ Paulina zuckte mit den Schultern. Zur selben Zeit war auch Lasse endlich aus dem Bett gekrochen, rieb sich verschlafen die Augen und trat barfüßig in die Scherben der zersprungenen Kaffeetasse. „Aua. Was ist denn hier los?“ fragte er genervt und rieb sich seinen linken Fuß, während er auf dem Rechten hüpfend balancierte. „Paulina will Giovanni hinterher fliegen!“ donnerte Eva los und schüttelte verwirrt den Kopf. „Ja, ich weiß... Was? Was guckst du mich so an? Ich fahre sie doch nachher zum Flughafen.“ Lasse war völlig entspannt und bis auf sein schmerzverzerrtes Gesicht zeigte er keinerlei Gefühlsregung. Eva kochte. „Und das sagt ihr mir jetzt? Tolle Freunde seid ihr!“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging polternd zurück ins Zimmer. Paulina wollte zurück nach Deutschland, Lasse hatte kein Vertrauen zu ihr und Eva würde bald mutterseelenallein in diesem wunderschönen, warmen Land herum sitzen und sich darüber ärgern, dass Paulina so doof war.

Aber Paulina war gar nicht doof, wie sich später herausstellte. Sie war einfach total irre verliebt und Giovanni war es auch. Er holte sie damals sogar vom Flughafen ab, nahm sie mit zu sich nach Hause und machte ihr noch in der ersten Woche ihres Wiedersehens einen Heiratsantrag. Allerdings fand er das Klima in Deutschland nur mäßig berauschend, so dass er sich, samt Kleinstfamilie in seiner Heimat Sizilien als Maler niederließ. Hier war zehn von zwölf Monaten im Jahr Sommer. Es war warm, sonnig, das Wasser angenehm temperiert und es gab keinen Schnee. Eva seufzte wieder! Es gab keinen Schnee auf Sizilien.

Mit einem Seitenblick beobachtete sie ihren Freund Lasse. Er war ihr zur Liebe nach Deutschland gezogen, hatte sich hier einen Job besorgt und versuchte sich in die Mentalität des hiesigen Volkes einzufinden. Zum Glück gab es IKEA und den jährlichen Besuch bei seiner Familie in Stockholm. Eigentlich hatte Lasse für sie alles ihm Wichtige aufgegeben: seine Familie, seine Heimat, Eisangeln und Schlittenhunderennen. Dagegen war Evas Opfer sehr gering. Sie dachte an Paulina, die ihr im September ihre erste Stricksockenkollektion für den Winterurlaub geschickt hatte. Außerdem würde sie dafür in Sizilien bei Sage und Schreibe 26° Celsius keinen Abnehmer finden. Eva im kalten Deutschland dagegen, konnte die Socken im September schon gut gebrauchen...

Das Schneegestöber draußen vor dem Fenster wurde immer heftiger. Die Flocken tanzten durch die Luft und verschlossen dem Beobachter den Blick hinaus auf die Straße. Eva drehte sich langsam zu Lasse um, sah ihm fest in die Augen und nahm ihren ganzen Mut zusammen als sie sagte: „Ich hatte eigentlich darauf gehofft, wir würden Paulina und Giovanni diesen Winter mal besuchen. Wir hatten doch davon gesprochen.“ „Wen meinst du?“ fragte Lasse betont gelangweilt. „Ach, hör auf! Du weißt genau wen ich meine!“ „Aber wir fahren doch über Weihnachten immer zu meinen Eltern.“ „Ja, genau. Wir fahren immer zu deinen Eltern. Jedes Jahr! Können wir denn nicht mal im Sommer dort hin fahren?“ „Aber dann liegt dort kein Schnee!“ „Lasse, bleib bitte bei der Sache. Also, ich werde nicht mitkommen!“

Als Eva es ausgesprochen hatte, tat es ihr schon wieder leid. Sie wollte ihn nicht verletzen, aber sie war so schrecklich enttäuscht. Sie war sauer und aufgebracht, weil er ihr nicht zugehört hatte, als sie diesen Wunsch geäußert hatte, in diesem Jahr über die Feiertage nach Sizilien zu fliegen. Lasse ging langsam auf Eva zu, die Flugtickets noch in der Hand. „Wenn du nicht mitkommst, wird Paulina bestimmt traurig sein.“ Eva horchte auf. „Paulina? Kommen sie etwa mit nach Stockholm?“ fragte sie irritiert. Lasse schüttelte den Kopf. Manchmal dachte sie einfach zu kompliziert. „Nein, Süße. Eigentlich wollte ich dich am Flughafen überraschen, aber ich konnte mich vorhin nicht zurück halten. Hier!“ Er hielt ihr die Tickets entgegen und Eva konnte vor Schreck noch gar nicht richtig lesen. Da stand tatsächlich „Frankfurt-Palermo“ drauf. Eva schaute erst auf Lasse, dann noch einmal auf die Flugtickets, ob sich womöglich Palermo nicht doch noch in Stockholm verwandelt hatte und dann fiel sie Lasse schluchzend um den Hals. „Freust du dich?“ fragte er und Eva beantwortete seine Frage mit einem Kuss.

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