Dienstag, 29. Juni 2010

Von Knopfaugen und Schokokeksen

"Ich habe nichts gemacht!" Meine Älteste kommt mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht auf mich zu, um mich ganz fest zu umarmen. Ihr unschuldiger Blick verwirrt mich.

ALARM! ALARM!


Ok. Da stimmt etwas nicht. Diese urplötzliche Anwandlung von Zuneigung kann nicht einfach so aus heiterem Himmel passieren, mitten am Tag und dann auch noch an einem Dienstag! Meine innere Eieruhr schrillt mit lautem Getöse und aus irgend einer Ecke in meinem Kopf ertönt die Sirene des Feueralarms mit ohrenbetäubendem Lärm.

Ich stürme los, hinein in das Kinderzimmerchaos, fluchend vor Schmerz, weil ich gerade barfuß auf ein Playmobil-Männchen getreten bin und in voller Absicht den Übeltäter auf frischer Tat zu erwischen. Leider sehe ich nur den Kleinsten hinter der Tür stehen, der mich mit seinen leuchtend blauen Engelsaugen anstrahlt und mit einem Schokokeks die Wand "verschönert".

"Da Kek!" Und dann hält er mir als Beweis seiner kreativen Kapriole den halb zerkrümelten Keks in seinem schokoverschmierten Patschhändchen vor die Nase.

Keine Spur vom Mittelkind. Dieser hat wohl die laut tösenden Alarmglocken seiner Mutter vernommen und sich vorsichtshalber unter dem Hochbett hinter einem riesigen Stapel aus Kissen und Plüschtieren versteckt. Zwei große graue Knopfaugen starren mich erwartungsvoll an.

Tief einatmen, laaang ausatmen...


Was ein Glück für die gummibehandschuhte Heinzelmännchen-Putzkollone, die an diesem Tag noch nicht im Kinderzimmer patrouliert hat. Ich werfe ein Blick auf die verschmierte Wand. "Warst du auch daran beteiligt?" frage ich das Mittelkind. Dieser schüttelt nur den Kopf: "Nein."

Auch ohne drei Semester Sozialpädagogik hätte ich darauf kommen können, dass diese Frage ja wohl dämlicher nicht hätte gestellt werden können. Natürlich war er nicht AKTIV daran beteiligt! Aber im Zweifel entscheidet die Staatsanwaltschaft für den Angeklagten...

Achselzuckend gehe ich aus dem Kinderzimmer. Zum üblichen Chaos kommen nun halt noch ein paar Krümel und eine braun verschmierte Wand hinzu. Einen Vorteil hat das Ganze: Jetzt sieht keiner mehr die violetten Striche von der Wachsmalkreide, denn die fallen unter den Schokostrichen gar nicht mehr auf...

Dienstag, 22. Juni 2010

Der Klavierspielversuch

"Hey, Sie?"

Der Star-Pianist blickte irritiert hinter sich, aber der nackte Finger dieses rotgesichtigen hässlichen Mannes zeigte tatsächlich auf ihn. Mit hochgezogenen Brauen und fragendem Gesicht zeigte er auf sich selber und der schwitzende Mann nickte nervös.

"Ja, Sie meine ich! Darf ich auch mal?"

Der hässliche Mann, welcher in seinem schwarzen Anzug wie eine Fleischwurst auf Wanderschaft aussah, quälte sich aus seinem Sitz mit der Nummer 15. Er saß gleich in der ersten Reihe. Er saß oft da und lauschte den beruhigenden Tönen des Pianisten. Wenn er zärtlich,ja hingebungsvoll über die Tasten seines Klavieres streicht, dann plötzlich, wenn sich die Stimmung ändert, schwungvoll in die Tasten greift, die Schwarzen und die Weißen bearbeitet. Der Schweiz auf der Stirn des Pianisten rinnt langsam in großen, im Scheinwerferlich glänzenden Tropfen seinen Hals hinunter und versickert in dem makellos weißen Hemd, sein Blick dann wild, wütend, fast bestialisch verzogen zu einer Grimasse des Zornes und dann, so als wäre es nie anders gewesen, fällt er ab, schließt die Augen und träg sich und sein Publikum hinaus in eine stille harmonische Welt.

Er hatte ihn oft beobachtet, sog jeden Atemzug ein, merkte sich seinen Gesichtsausdruck und die Stellung seiner Finger, wusste, wie die Beine mit den Pedalen spielten und war sich seiner Sache ganz sicher.
Langsam, schwitzend und in freudiger Erwartung setzt er seinen Gang auf die Bühne fort. Das Publikum raunt ihm seinen Unmut zu, dennoch lässt er nicht ab von seinem Vorhaben und steuert selbstsicher auf den Pianisten zu. Dieser überlässt ihm perplex seinen Hocker und stellt sich daneben. Jetzt würde es gleich geschehen, die Töne würden schmeichelnd aus dem Instrument ströhmen und die Zuhörer in wohlige, vergnügliche Begeisterung versetzen. Jubelrufe würden laut, würden ihn hoch in den Himmel heben. Alles stimmte: Der gleiche Anzug, das Klavier, der Hocker und auch das Publikum stand ihm in lauernder Erwartungshaltung gegenüber.

Doch als er zu Spielen begann, suchten die Töne verzweifelt ihre richtige Lage, so dass sie wild durcheinander geworfen im Raum schwebten und den zuhörenden Ohren Schmerzen bereiteten.
Überzeugt von seinem Können stand er auf, der rotgesichtige häßliche Mann, verbeugte sich und erwartete den Jubel, der jedoch aus blieb und ihm der Boden unter den Füßen weg brach. Dabei fand er es selbst doch ganz gut, für jemanden, der noch nie an einem Klavier gesessen hat...

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